„Nächstenliebe sollte schmecken“

Es brodelt in der Begegnungsstätte Falckensteinstraße. Neugierige Kinder beobachten das Geschehen durch ein Fenster, während drinnen die letzten Vorbereitungen für das „Homeless Veggie Dinner“ getroffen werden. Es ist Samstagabend und draußen warten bereits Gäste.


Fotos: Sükran Sahin

Seit über zwei Jahren findet hier einmal im Monat das kostenlose Abendessen statt, das Obdachlose und Nicht-Obdachlose zum Plauschen und zum Genießen zusammenbringt. Dafür hat ein internationales Team von etwa 25 Freiwilligen stundenlang vorbereitet, gekocht und gebacken. Um kurz nach 18 Uhr nehmen die ersten Gäste an den hergerichteten Tischen Platz. Helfer flitzen mit vollen Tellern zwischen Küche und Saal hin und her.

Für den Rentner Julius Jaroslawski ist das Veggie Dinner eine willkommene Abwechslung zu den Einrichtungen, die er normalerweise aufsucht: „Ich gehe seit 12 Jahren in Suppenküchen. Dort sind die Leute manchmal etwas rau. Für die Nerven ist es hier momentan angenehmer.“

Die freundliche Atmosphäre ist das Ausschlaggebende für den Initiator des Projektes Dario Adamic. Die Qualität des Essens und der würdevolle Umgang sollen als sozialer Kitt dienen. „Es ist ein Abend, an dem sich die Obdachlosen gewürdigt fühlen sollen wie in einem Restaurant, und um Menschen zu treffen, mit denen sie normalerweise nichts zu tun haben,“ sagt er.

Wie auch in einem Restaurant können Gäste von einem Drei-Gänge Menü wählen. Ein jüngerer Gast, der seinen Namen nur als DaProof angibt, weiß dies zu schätzen. Er bezieht Berufsunfähigkeitsrente, lebt in einem Wohnheim in Neukölln und hat bereits in vielen Suppenküchen gegessen. Beim „Homeless Veggie Dinner“ ist er das erste Mal. „Es ist mal ein Geschenk, das von Herzen kommt. Nächstenliebe sollte schmecken. Andere Leute bauen eine Mauer um sich. Hier laden sie Leute ein und haben keine Probleme mit ihnen.“

Doris Müllner, eine ehemalige Helferin, ist diesmal nur zum Essen da. Sie sagt: „Ich finde es schön, dass man zwei Menschengruppen, die sonst nicht zusammen sind, in Kontakt bringt. Man kommt ins Reden und lernt, gewisse Dinge zu schätzen.“

Die Motivation für viele der Helferinnen und Helfer ist vor allem der Spaß an der Sache, wie zum Beispiel für den jungen Israeli Tomer Mazie. Er hörte von Freunden über das Projekt und ist inzwischen seit über einem Jahr dabei. Auch für den Italiener Federico Schiro ist der gesellige Aspekt ein Pluspunkt. Er sagt: „Man lernt Menschen kennen, die interessant sind und etwas Positives tun. Ich tue es sowohl um zu helfen, als auch um eine gute Zeit zu haben.“

June Dennis, die ursprünglich aus den USA kommt, kümmert sich seit über drei Jahren um das Menü des Veggie Dinners. Für sie hat der internationale Charakter der Gruppe auch einen praktischen Vorteil: „Es ist schön, dass wir Helfer aus vielen verschiedenen Ländern haben, es gibt immer sehr verschiedene Gerichte. Aber das Essen ist eigentlich zweitrangig. Wir möchten, dass die Gäste miteinander kommunizieren und ein Gemeinschaftsgefühl aufbauen“, sagt sie.

Dario startete das Projekt vor vier Jahren mit nur zwei Freunden. Nach zwei Jahren in diversen Kreuzberger Einrichtungen fanden sie ihr jetziges Zuhause in der Falckensteinstraße. Inzwischen werden durchschnittlich 200 bis 250 Gäste pro Abend bedient. Das erfordert gute Organisation und Hingabe. Aber der Aufwand ist es wert. Er sagt: „Am Ende fühlt man sich toll und denkt sich: wir haben's geschafft!“

Der Erfolg hat sich herumgesprochen. Letzten Monat erst kamen Besucher aus Warschau und Amsterdam zu Besuch, die ähnliche Projekte in ihren Städten starten möchten. Was würde Dario anderen raten, die es ihm nachmachen wollen? „Es einfach zu tun und nicht über den Papierkram nachzudenken. Es ist nicht schwer, einen Raum zu finden, Spenden zu sammeln und Obdachlose zu erreichen. Man muss eine Idee erst in die Praxis umsetzen, um andere zu überzeugen. Der Rest kann später kommen.“

Mitmachen kann jeder. Die Gruppe „Homeless Veggie Dinner“ organisiert sich über das soziale Netzwerk Facebook und hat bereits über 1.400 Mitglieder. Die nächste Veranstaltung findet voraussichtlich am 19. Juli statt.

Text: Sükran Sahin